Der Pathologe ✍

Wer die letzten BBC-Produktionen mitverfolgt hat, allen voran SHERLOCK (seit 2010), hätte sicherlich bei der neuen Mini-Serie DER PATHOLOGE aufgehorcht. Doch ist die Veröffentlichung der drei Fernsehfilme in Deutschland etwas untergegangen: Die drei Teile liefen Ende August in der ARD auf recht ungünstigen Sendeplätzen, Sonntag abends um 21.45. Leider zu Recht, denn was die beiden Drehbuchautoren Andrew Davies (THE TAILOR OF PANAMA, BRIDESHEAD REVISITIED, BRIDGET JONES’S DIARY) und Conor McPherson (in Irland ein Name in der jungen Theaterszene) aus den Krimis des renommierten irischen Autors John Banville machen, bietet nicht besonders viel. Es mag wohl nicht an Banvilles Vorlagen liegen (auch wenn dieser die Krimis unter dem Pseudonym Benjamin Black veröffentlicht, um sie von seinen anderen Romanen zu trennen). Vielmehr fehlt den drei 90-minütigen Filmen der Zusammenhalt, weniger wäre hier mehr gewesen: Bis zum Ende der ersten Episode werden stetig neue Figuren aus dem Hut gezaubert und dem Protagonisten Quirke entgegengeschleudert: Der Pathologe mischt sich im Dublin der 1950er Jahre ab und an in Mordfälle der Polizei ein. Eine junge Frau ist im Kindbett verstorben, die Todesursache muss jedoch im konservativen Irland vertuscht werden.

Sein Halbbruder Malachy, ebenfalls Arzt im selben Krankenhaus, fälscht die Akte der Verstorbenen. Quirke geht der Geschichte nach und gerät in einen von der Kirche und den Behörden initiierten Ring aus Kinderhändlern, die uneheliche Kinder aus dem vermeintlich edlen Vorwand, die sie vor dem Waisenhaus zu retten, in die USA verkaufen – Vorfälle, die auf Tatsachen beruhen, eines der dunkleren Kapitel der irischen Geschichte, die erst in den letzten Jahren aufgearbeitet wurden.

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Obendrein hat Quirkes Vater, ein angesehener Richter, auch die Finger mit im Spiel, wodurch der Mordfall letztendlich auch Auswirkung auf seine eigene Familie hat. Nach ähnlichem Schema verlaufen auch die beiden folgenden Episoden, das Familiendrama nimmt ähnlich viel Platz ein wie die Aufklärung der Mordfälle. Diese Familiengeschichte mutet etwas überdramatisch an – Quirke wurde als Waise von der Familie des Richters aufgenommen, mit seinem Stiefbruder Malachy verband ihn lange Jahre eine enge Freundschaft. Nach einem Partnertausch heiratet Quirke xy und Malachy Sarah, nach xys Tod verfällt Quirke dem Alkohol und seine Tochter Phoebe wächst bei Malachy und Sarah auf. Sie erfährt erst als junge Erwachsene davon, dass Quirke ihr Vater ist und ist am Boden zerstört, da sie heimlich in ihn verliebt war. Obendrein hat Quirke auch noch ein Verhältnis mit seiner früheren Freundin, jetzt Schwägerin, Sarah. Obwohl derlei verworrene Familienverhältnisse im streng gläubigen Irland nicht undenkbar sind und Banville auch bewusst den Umgang der katholischen Kirche mit unehelichen Kindern und Waisen thematisiert und kritisiert, wirkt diese komplexe Familiengeschichte ein wenig überladen und ist als Nebenhandlung kaum zu bewältigen, ohne lächerlich zu wirken. Gabriel Byrnes gewohnt starker, düster-melancholischer Auftritt kann ein so zerfasertes Drehbuch kaum noch etwas retten. Zwar meistert auch Aisling Franciosi die schwierige Rolle der Phoebe mit bemerkenswerter Konstanz, aber auch sie kann kaum über Schwächen in der Handlungsführung und der Figurenzeichnung hinwegtäuschen. So verwundert es nicht, dass die Miniserie nicht an das Erfolgskonzept von SHERLOCK anschließen konnte, denn verschroben (engl.: „quirky“) ist vielmehr das Drehbuch (und mit drei mal 90 Minuten viel zu lang) als der Pathologe Quirke, der neben seiner Trunksucht eigentlich nur ein verbitterter Witwer ist, aber sonst mit keinerlei Eigenarten auf sich aufmerksam bzw. sich dem Zuschauer interessant macht. Freunde von kauzigen Ermittlern warten wohl besser auf eine TV-Wiederholung von DER PATHOLOGE oder gleich auf die vierte Staffel SHERLOCK.


Der Pathologe (OT: Quirke), GB 2013 – Drehbuch: Andrew Davies, Conor McPherson nach den Romanen von Benjamin Black alias John Banville. Darsteller: Gabriel Byrne, Michael Gambon, Nick Dunning, Brian Gleeson, Aisling Franciosi. BBC, Verleih: Polyband, 3×90 Minuten. Heimkinostart: 29. August 2014.