Attila ✍

Mit Extensions und Anti-Baby-Pille im Galopp durch die Steppe

Historien- und Monumentalfilme sind immer so eine Sache: Oft wird auf historisch belegbare Geschichtsdarstellungen und Zusammenhänge zugunsten von teils romantisierten und heroisierenden Einzelschicksalen verzichtet. Lieber die Fakten etwas ungenau dargestellt, die zeitlichen Verläufe etwas gestrafft und ein wenig emotionale Würze beigefügt, als eine gute Story verschenkt. Dies muss keinesfalls ein Mangel sein – wer sein Geschichtswissen aufpolieren will, wird eher zu einem Dokukanal schalten. Zudem bieten Monumentalfilme die Möglichkeit, namhafte Schauspieler als herausragende historische oder fiktive Figuren in historischem Setting zu besetzen. Elizabeth Taylors Cleopatra und Richard Burtons Marcus Antonius sind unvergessen, ebenso Kirk Douglas als Spartacus und der große Laurence Olivier als sein Gegenspieler Marcus Crassus. Charlton Heston verkörperte den fiktiven Ben Hur. Im Revival der Monumentalfilme war Russell Crowe als Maximus in Ridley Scotts GLADIATOR (2000) zu sehen, Colin Farrell als Titelheld in ALEXANDER (2004) und Brad Pitt als Achilles in TROY (2004). Gute Familienunterhaltung mit beeindruckenden Massenszenen, großen Schlachten und ein bisschen was fürs Herz.

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Auf diesen Trend sind in den letzten Jahren auch verschiedene Fernsehformate aufgesprungen, allen voran SPARTACUS (starz, 2010-2013). Im Glanze von GLADIATOR versuchte sich bereits 2001 USA Network an einer Miniserie über den Hunnenführer Attila – der noch wenig bekannte Gerard Butler war zwar noch kein Star, sollte aber nach diesem Film einer sein und sich im Lichte der Vorbilder sonnen. Was soll man sagen? Die Zeit hat uns gelehrt, dass dieses Projekt nicht ganz nach Plan verlief, denn kaum einer erinnert sich an Butlers Darstellung des Attila – die von ihm verkörperten Figuren Terry Sheridan in LARA CROFT: TOMB RAIDER, André Marek in TIMELINE, One Two in ROCKNROLLA? Möglicherweise. Vielleicht auch noch Dracula in Wes Cravens Version des Stoffes oder Beowulf in BEOWULF AND GRENDEL. Ganz klar: Leonidas in 300. (Gerry Kennedy in P.S. I LOVE YOU werden die wenigsten zugeben.) Aber Attila? Eher nicht.

Dies kommt nicht von ungefähr und liegt, man muss es gerechterweise sagen, nicht unbedingt an Butlers Leistung. Es wurde viel Mühe und Aufwand betrieben – das Making-of auf der gerade erschienenen Blu-Ray-Veröffentlichung beteuert und bejubelt dies inständig –, eine große Produktion mit verhältnismäßig kleinen Mitteln zu stemmen. Die Rechnung ging leider nicht auf. Das zweiteilige Format ist etwas unglücklich gewählt: In jeweils eineinhalb Stunden wird Attilas Lebensgeschichte von Kindheit an erzählt und gerinnt zu einer monotonen, episodenhaften Aufzählung, die mehr schlecht als recht von der Suche des Waisenjungen nach Liebe zusammengehalten wird. Den Schlachtenszenen fehlt es im wahrsten Sinne des Wortes an Masse, weshalb keine monumentalen Totalen der aufeinandertreffenden Heerscharen zu sehen sind, sondern hauptsächlich kleine Statisten-Gruppen, die wild schreiend aufeinander zulaufen. Auch die Kämpfe Mann gegen Mann, welche Attila ein ums andere Mal austragen muss, lassen den Zuschauer leider nicht die Luft anhalten. Man fühlt sich eher an Serien der 1990er Jahre wie XENA (1995-2001) oder HERCULES (1995-1999) erinnert als an die großen Gefechte der Historienfilme. Hinzu kommt eine schlampig gestaltete Ausstattung, die im Laufe der Zeit ein wenig verärgert – dass römische Freudenmädchen neuzeitliche Tangas tragen, macht schon etwas stutzig, dass auch noch der Waschzettel heraushängt, sorgt für ungewollte Komik. Ebenso die Anti-Baby-Körner, die Attilas Lieblingssklavin von einer Kräuterhexe verabreicht werden, als sie in der Gewalt von Attilas Bruder Bleda ist – denn solange ein Hunne kein Kind zeugt, gehört ihm die dazugehörige Frau auch nicht. Aha.

Einziger Lichtblick: Die Hassliebe zwischen Attila und seinem Gegenspieler Flavius Aetius (Powers Boothe), hier entwickelt sich kurzfristig durch pointierte Wortgefechte eine gewisse Spannung und Dynamik – ein Verdienst des engagierten Spiels von Powers Boothe. Gerard Butler fällt zwar nicht negativ auf, vertraut aber auch hier schon eher auf seine physische Präsenz und seinen Kampfschrei (ein wenig untergraben von den nicht ganz gelungenen Extensions, die er tragen muss) als auf schauspielerischen Ausdruck. Ebenso sorgt Tim Curry in einer kleinen Nebenrolle als Kaiser Theodosius für einige humorvolle Momente, doch reichen diese kurzen Augenblicke leider nicht aus, um aus den vielen angeschnittenen Handlungselementen einen homogenen Film zu machen. Hier wäre wohl entweder weniger mehr gewesen – ein einzelner Movie of the Week etwa – oder ein längeres Serienformat. Der Zweiteiler ist bedauerlicherweise nichts Halbes und nichts Ganzes, denn weder will das Starkonzept aufgehen, noch fesselt das Script oder machen die die Special Effects viel her. Obendrein ist er auf der aktuellen Veröffentlichung zu einem kaum enden wollenden, dreistündigen Endlosfilm zusammengeflickt, der dem Zuschauer nur noch die Wahl lässt, sich die Pausen am heimischen Fernseher selbst einzuteilen und zwischendrin einfach mal umzuschalten.



Attila, USA 2001 – Regie: Dick Lowry. Drehbuch: Robert Cochran. Kamera: Steven Fierberg. Darsteller: Gerard Butler, Powers Boothe, Alice Krige, Tommy Flanagan, Tim Curry, Isla Fisher. Alphaville Films. Verleih: Koch Media, 177 Minuten. DVD- und BluRay-Start: 10.07.2014.